ZS Zeitensprünge 1/2018

Zeitensprünge 1 – 2018 : eine kurze Rezension

Zuerst kommt der Nachruf auf Robert Zuberbühler, liebevoll verfaßt. Der alte Herr wurde 97 Jahre alt und nahm fast bis zum Schluß noch Anteil an Illigs Arbeit. Sein Einstieg war übrigens ein kleiner Artikel über die Ausrichtung von alten Kirchengebäuden in Zürich und Basel hin zur Winter- und Sommersonnenwende, also deutlich nicht nach Osten, was Vorschrift gewesen wäre, sondern eben heidnisch oder vorchristlich dem Sonnenstand zugewandt. Leider fand die Beobachtung in der weiteren Forschung keine Beachtung. Zusammen mit ähnlichen Erkenntnissen hätte man Begreifen müssen, daß jene Bauten “vorchristlich” sind, zur Lichtreligion gehörig.
Die beiden wichtigen Seiten finden sich in Heft 3/1996, demselben Heft, in dem Christoph Marx den (bislang) letzten “Großen Ruck” 1348 vorstellte unter Berufung auf den “schlafwandelnd” genialen Egon Friedell.

Heribert Illig über den Schattenmesser auf dem römischen Marsfeld

Dies ist der wichtigste Beitrag des Heftes. Man könnte diese Abrechnung mit Michael Schütz als Nichtbeteiligter übergehen, oder am Rande streifen, wenn nicht Illig am Ende ankündigte, daß er demnächst mit Werner Frank das Thema noch einmal bearbeiten werde, um “der Wahrheit näher zu kommen”. Darum möchte ich schonend und präzise zugleich einige Bemerkungen anbringen, die die beiden Autoren hoffentlich vor allzu großen Fehlern bewahren werden.
Da ist zuerst mal der lateinische Columella (“Bäuerlein”?), der seit Werner Frank 2010 für die Herbstgleiche an Augustus Geburtstag am 23.9. als Letztbeweis dienen soll. Leider ist Columella unzuverlässig; seine Eckdaten sind oft falsch, und wenn eins mal stimmt (wie dieses hier), dann ist das purer Zufall. Als Beweis also unbrauchbar. Columella schrieb auch etwas spät, offiziell etwa 50-70 Jahre nach Augustus. (Wahrscheinlich schrieb er im 15./16. Jh., er wird oft dem Poggio Bracciolini untergeschoben, kann jedoch frühestens 1470 verfaßt sein.)
In dem zitierten Beitrag von Frank (ZS 2 – 2010) sind einige Fehler, die nun immer wichtiger werden (S. 458) : Die Kirche nimmt um 1580 als Jahreslänge den Wert 365 + ¼ – 3/400 Tage (korrekt), dieser “differiert nur um 26 Sekunden vom heutigen Wert” (korrekt aber belanglos für die kirchliche Kommission). “Die Abweichung von –3/400stel Tagen von Cäsars Wert bedingt ein Zurückweichen der Jahreseckpunkte … alle 128,2 Jahre um einen Tag.” Falsch! Richtig wäre 133,3 Jahre pro 1 Tag. Zieht man von 1580 die zu den zehn Tagen gehörenden 1333 Jahre ab, erhält man 247 AD; das paßt zu der Aussage von Frank, der Frühlingstag 21. März sei spätestens seit dem 3. Jh. gültig gewesen, aber wie er darauf kam, sagt er nicht (ob jemand weiß, wann im 3. Jh. Frühlingsanfang war?). Eigentlich hätte er an Nicäa 325 AD stimmen müssen, und um diese Zahl geht es dann im folgenden, da sie heute feststeht (während Clavius sie noch nicht nennt). So kommt Frank durch einen Rechenfehler zum ‘richtigen’ Ergebnis.
Und wo es um den 23. September als Geburtstag des Augustus geht, ist auch (im selben Artikel von Frank) die Lage verschwommen: Während die römischen Schriftsteller die 8. Kalenden der jeweiligen Monate für die Eckpunkte nahmen, hat (laut Illig) Suetonius die 9. Kalenden des Oktober für den Kaiser-Geburtstag, also den 23. September. Schön, aber Frank (S. 461) zitiert Plinius für den 22. September als Herbstäquinoktie.
In dem zweiten Ausschnitt aus Columella, den Frank (S. 460 f) zitiert, wird unterschieden zwischen den Kultfesten des Staates, die auch die der Bauern sind, und den astronomisch korrekten Jahreseckpunkten: Die Verschiebung beträgt vier Tage (25. 12. und 21. 12.), aber astronomisch seit Eudoxos/Meton und Hipparch sind es 8° (grob acht Tage), meint Columella. “Diese Stelle ist kaum zu verstehen”, sagt Frank und klärt sie dann mit Malitz auf, aber konfus, ohne Antwort.
Besser ist da schon die neu entdeckte Steininschrift in Kleinasien, die endlich als hartes Dokument den Sachverhalt bezeugen könnte. Diese müßte nun von Illig und Kollegen ausführlich beschrieben und diskutiert werden, damit sie endlich diese Lücke füllen kann, nämlich den absoluten Beweis zu erbringen für etwas, das sowieso als bekannt vorausgesetzt wird (23.9. war Herbstgleiche zu Augustus Zeit), oder vorausgesetzt wurde, bis Illig 1991 daraus den Historikern einen Strick drehte, der 300 Jahre überzählig machen würde, wenn die Erdbewegung gleichgeblieben wäre und der Schaltfehler tatsächlich über tausend Jahre weitergeschleppt worden wäre. Und wenn die Gregorianische Kalenderkommission sich darum geschert hätte.
Die Behauptung, die Herbstgleiche sei zu Cäsars Zeit auf den 25. oder 26. 9. gefallen (S. 65), sei eine “Fehldatierung” von Michael Schütz – nun, ganz so blöd war der nicht, wie ihn Illig hinstellt. Einerseits folgt er einem gewissen Strang offizieller Forschung, andererseits hat man an diesen Tagen tatsächlich auch mal Herbstgleiche gefeiert. Was natürlich nicht heißt, daß sie astronomisch an jenem Tage eintrat, so wenig, wie unser Weihnachten heute noch auf den Winterbeginn fällt.
Aber das sind nur Scharmützel auf den Flügeln. Die eigentliche Auseinandersetzung sollte in der Mitte stattfinden – bei der unglaubwürdigen Behauptung, daß zwischen Cäsar und Trient (oder Gregor XIII) eine gleichmäßig fortlaufende Erdbewegung anzunehmen wäre, oder eine regelmäßig geschaltete Jahreszählung, oder ein ungestörter Geschichtsablauf. Das nämlich wird von der Kalenderkommission Gregors selbst verneint, und die mußte es eigentlich wissen. Ihre Teilnehmer waren die einzigen, die noch alle Hinweise dazu kannten und auch aussprachen (im Compendium des Lillius kurzgefaßt erhalten, siehe Topper 2009 und ausführlich in “Jahrkreuz” 2016 ).
Anzumerken wäre auch, daß die Kugel auf dem Obelisken keineswegs überflüssig ist (S. 76 im Zitat nach Buchner, und S. 77 oben), wenn der Gnomon nur als Mittagschattenwerfer gebraucht wird; im Gegenteil, dann ist sie ebenfalls wichtig: Sie bewahrt vor dem Fehler, mit der Schattenoberkante den oberen Rand der Sonne abzulesen, denn das Ergebnis wäre 15 Bogenminuten (halber Sonnendurchmesser) falsch. Was bei einer Kalenderanzeige noch wichtiger ist als bei einer Sonnenuhr
Zu erwähnen sind auch die auf dem Meridian eingetragenen Querstriche. Ihre Abstände sind zwar dem Schattenlauf angepaßt, sie wachsen also nach Norden zu, aber sie stimmen keineswegs mit den Kalendertagen überein, sondern sind jeweils ein 30stel eines Zodiakzeichens breit, also 1°. Und damit oft recht ungenau gegenüber dem Julianischen Kalender, zuweilen mehr als einen Tag, wogegen Illig (S. 69) sagt, die Ungenauigkeit läge “um die Differenz von einem einzigen Strich bzw. Tag”. Nein, mehr.
Das kann durchaus wichtig sein, wenn man eines Tages mehr Stücke vom Meridianpflaster ausgräbt, etwa die Stelle, wo der Mittagschatten die Gerade der Frühlings- und Herbstgleiche kreuzt. Dieses Maß würde den Knackpunkt für Illigs (und Buchners) Beweisführung abgeben.
Was ich allen Beteiligten von Herzen wünsche.
Grundsätzlich jedoch bleibt noch einmal zu sagen:
Nachdem Ulrich Voigt klargestellt hatte, daß im Illigschen Schema von 297 Jahren die Wochentage unterbrochen sind, was ich erst nach einer Weile einsah, (Topper 2006) blieb nur noch übrig, daß auch eine noch so kunstvolle Einfügung keine Rücksicht auf den Wochentag nehmen mußte, weil eine Jahreszählung für diesen durchgehend gedachten Julianischen Kalender (vor 1500) nicht im Gebrauch gewesen war.
Da ich hinsichtlich des rückwirkenden Einschubs von rund 300 Jahren schon durch Siepe deutliche Hinweise sah, daß er erst in der Renaissance ausgeführt worden sein konnte, was durch die Lektüre von Edwin Johnson (1894) noch bekräftigt wurde, stellte sich die Frage: Wurde der (um 300 Jahre verlängerte) geschichtliche Zeitraum zwischen Nicäa und Trient irgendwie als berechenbar erklärt? In der Bulle zur Kalenderreform und in den Vorarbeiten dazu (Compendium siehe “Jahrkreuz” 2016, S. 174 ff) ist vom unsicheren Frühlingstag und der veränderlichen Jahreslänge die Rede, woraus kein ‘ewiger’ Schaltrhythmus errechnet werden konnte, weil der Verlauf ungleichmäßig war, wie Lilius sagt. Auch die abschließende Arbeit von Clavius (1603) benützt diese Einsicht: In der Vergangenheit waren diese Zeitmaße unregelmäßig veränderlich, daher die Unberechenbarkeit des Gesamtzeitraums. Es wurde nur immer wieder betont, daß sich in der Gesamtzeit seit Nicäa die Frühlingsäquinoktie um zehn Tage verschoben habe (oder seit Cäsar um 13 Tage), was nicht gestört habe, bis man jetzt aufmerksam wurde und Abhilfe plante (und 1582 ausführte), um Ostern wieder gemäß der Väterordnung zu feiern.
Damit entfällt Illigs Argument der Anwendung des Kalenderbezugs für die Berechnung des Zeitabstands von Cäsar oder Nicäa!
Christoph Marx (ZS 3/1996, S. 341 f) drückt das so aus:
“Nun ist es albern, die Menschen selbst des Mittelalters für so beschränkt zu halten, daß sie acht Jahrhunderte lang oder gar über ein volles Jahrtausend hinweg es verdusselt hätten, den Frühlingspunkt zu beobachten und ihn im Kalender regelmäßig zu korrigieren.” Und nachher sei es dann aber plötzlich doch wieder wichtig geworden!
Da die Verschiebung des Frühlingspunktes im Kalender eine Änderung der Bahn oder Geschwindigkeit der Erde als Ursache haben müßte, “müssen extraterrestrische Kräfte eingewirkt haben.”
Und damit sind wir beim (vorläufig) letzten großen Ruck der Erde (oder des gesamten Planetensystems), den Egon Friedell um 1350 sieht. Illig hat übrigens an diesen epochalen Text von Marx, der als Vortrag von 1995 stammte, eine “Einrede” angehängt, die zwei Punkte gegen Friedell/Marx/Velikovsky vorbringt (ZS 3/1996, S. 356):
Obgleich er sich für Friedell mit acht Büchern redlich eingesetzt habe, möchte er doch klarstellen, daß er die “maßlose Überinterpretation” der geologischen Vorkommnisse zu jenem Zeitpunkt (1350) schlicht ablehne, ebenso wie aus den “obendrein widersprechenden hochmittelalterlichen Beobachtungen zum Ostertermin auf ebenso viele Veränderungen von Erdbahn und/oder Erdrotation zu schließen”. (Ach, die Ostertermine im Hochmittellalter widersprechen einander? Liegt das an der Unregelmäßigkeit der Himmelskörper oder an der verwirrten Geschichtsschreibung?)
Außerdem wehrt er sich gegen das von Velikovsky postulierte Kollektivgedächtnis, das an sich unsinnig ist (es “bleibt ein Widerspruch in sich”) und von Marx ebenfalls überstrapaziert wird. In diesem Punkt stimme ich mit Illig überein (Topper 2005 ; neuerlich kurzgefaßt in “Jahrkreuz” 2016, S. 349 f).

Andreas Otte Prä-portugiesische Besiedlung der Azoren

Es war lange Zeit ein Tabu gewesen, von vorportugiesischer Kenntnis der Azoren zu sprechen. Die Portugiesen mußten die ersten (und einzigen) gewesen sein, die diese ferne Inselgruppe im Atlantik entdeckten und besiedelten. Der weitgereiste Otte zerstört den letzten Rest dieses Mythos. Auf zwei Seekarten des 14. Jahrhunderts sollen die Inseln schon vorkommen. Otte merkt nicht an, daß die Daten der Karten auch falsch sein könnten (“italienische Datierung” nach Topper), daß sie richtiger ins 15./16. Jh. gehören und die Kenntnis der Azoren damit übereinstimmt. Statt dessen erklärt er, wie relativ leicht es für Segelschiffe gewesen sein muß, die Inseln anzulaufen, denn sie liegen günstig in Strömungen und Winden. Vielleicht war die Kenntnis der Inseln nie wirklich vergessen worden.
Zu dieser Annahme gibt es Anlaß: Auf Terceira befinden sich “megalithische Strukturen”, die wie alle Megalithdenkmäler einer früheren Epoche angehören, demnach nicht den christlichen Seefahrern zuzuschreiben sind. Die Fotos zeigen ein Ganggrab und ein Portalgrab, außerdem – jetzt wird’s spannend: Felsengleise in der gewohnten Art! “Die Spuren sind teilweise bis zu 10 cm tief.” An einem Ende der Gleisspur ist sogar eine Wendeschleife erkennbar. Eine weitere Stelle mit Gleisen ist seit dem 16. Jh. bekannt. Dabei lassen sich V-förmige und rechteckige Profile ausmachen. Im Hafen von Porto Martins laufen sie am Ufer entlang und sogar ins Wasser hinein. Dann erwähnt Otte die Insel Pico mit ihren ebenfalls sehr eindrucksvollen Gleisen, von denen  Holger Kalweit kürzlich in Efodon-Synesis 1/2018 insgesamt 16 Fotos veröffentlichte.
Das Verhandensein der Gleise gibt revolutionäre Gedanken ein: Die Azorenbewohner müßten dort recht lange gewohnt haben, wenn sie Wagen benützten. Die Gleise sind keine Zeugnisse von gelegentlichen Landungen von Händlern oder zufälligen Schiffbrüchigen, die für ein oder zwei Megalithgräber noch zur Erklärung reichen würden. Ist die Kultur der frühen Metallzeit (Topper, horra 2003) auf den Inseln zu finden? Immer mehr deutet auf diese Möglichkeit hin. Gleise gibt es sogar in Südamerika, wo das Rad erst mit den Spaniern hingekommen sein soll.
Otte berichtet weiter, daß wie auf den Kanaren (bekanntgeworden durch Thor Heyerdahl) auch hier pyramidenartige Steinbauten vorhanden sind, außerdem punische und griechische Münzen gefunden wurden, ein römischer Straßenrest, kleine Höhlungen im Fels – mit anderen Worten: ein ganzes Spektrum vorportugiesischer Kulturzeugnisse, die zu katalogisieren sich lohnen könnte. Von staatlicher Seite wird allerdings kaum Hilfe zu erwarten sein, aus dem vorhin schon erwähnten Tabu.

Stefan Diebitz hat sich wieder ein spannendes Thema vorgenommen: das Selbstbewußtsein als Homunkulus, gleichsam ein kleines Wesen in uns, das entwicklungsbedingt dem Menschen als höchster Stufe auf der Leiter eigen ist. Wobei ihm an Hand von Julian Jaynes’ Werk von 1976 die Frage auftaucht, inwiefern kulturelle Innovationen die Evolution des Menschen beeinflußt haben könnten, konkret bezogen auf die völlig neue Situation des Menschen angesichts der ungewöhnlichen Kommunikationsmöglichkeiten, die sich durch Elektronik und Internet bieten: “Wird man noch innerlich mit sich selbst disputieren, wenn man auf fast allen seinen Wegen von Lärm und Musik begleitet wird?” (S. 151)
Er kommt dann zu seinem zentralen Thema, das er bis fast zum Ende des Beitrags durchdenkt: Erinnerung und Gedächtnis, die beiden Fähigkeiten oder vielmehr Gegebenheiten der menschlichen Existenz, sind gegeneinander abzugrenzen.
Da kommen mir natürlich die beiden Raben Odins in den Sinn, Hugin und Munin (Grimnirlied 26): Gedanke (im Sinne von Gedenken, Gedächtnis) und Mahnung (im Sinne von Erinnerung an etwas). Sie sitzen auf Odins Schultern und geben ihm Kunde ins Ohr, wie die innere Stimme (die Diebitz betrachtet): Die Erinnerung schaffen wir uns selbst, wir “hegen” eine gewisse Einstellung zu jedem Ereignis, formen unser Weltbild in ganz persönlicher Weise, vertrauen auf Hugin. Das Gedächtnis dagegen wird uns aufgebürdet (auch Tiere haben es); Munin dient als Mahner wie ein untrüglicher Film alles Geschehenen.
“Das Bewußtsein bietet uns eine Zusammenschau. … Das Gedächtnis gilt eigentlich der Zukunft … die Erinnerung dagegen ist der Blick zurück in die Tiefe der Zeit,” sagt Diebitz (S. 155). Und noch etwas findet Diebitz (ohne die eddischen Sinnbilder zu verwenden): Das Gedächtnis ist die Quelle des Erzählens. (S. 155)
Gegen Schluß geht Diebitz auf die Frage ein, ob Scham und Stolz, die beiden Gegensätze, die sich ergänzen, und ihre Vorform, die Verlegenheit (die kein Tier kennt), in unserer Zeit abgenommen haben. Durch die drastische Zerstörung der Werteskala sind auch die davon abhängigen Verhaltensweisen ausgelöscht worden, möchte ich anfügen, ohne eine Geringschätzung damit zu verbinden.
Einmal im Beitrag hatte ich das Gefühl, jetzt wird das Thema gestreift, das dieser Zeitschrift eigen ist: Mit dem Wesen in uns ist “der Sinn für den unwiderruflichen Ablauf der Zeit und damit auch das Verständnis für die innere Logik eines Geschehens verbunden. Ohne dieses Verständnis könnten wir keine Geschichten erzählen oder verstehen.” (S. 155) Und auch keine Geschichte!

Das zeigt sich sehr krass an der “Heiligen Lanze” (ab S. 94), eine unendliche Geschichte um Reliquien und Ideologie. Glücklicherweise hat Illig den Artikel in zwei Stücke geteilt: Ohne und mit Okkultismus. Man spürt den Unterschied zwischen früherer und heutiger Imagination. Der Wunderglaube nimmt rasant zu.
In dem Sammelsurium am Schluß, “Einstürzende Realitäten”, sind einige bemerkenswerte Hinweise auf aktuelle Streitpunkte verpackt; ich mache aufmerksam auf
Mellaart S. 170: Mit einer “dicken Ente” hat der gewiefte Zauberer Mellaart, woanders auch vertraulich Jimmy genannt, einen deutschen Wissenschaftler (und nicht nur diesen) mit seinen Luwier-Inschriften (und nicht nur diesen) schmählich reingelegt, und einige Zeitungen waren ihm begeistert gefolgt, wie Illig wütend kommentiert. Aber liegt die Schuld nur bei Mellaart, oder vielleicht auch bei seinen Komplizen? Gab es so etwas wie Mitläufer? Der ganze Salat, dessen einzelne Zutaten jetzt kaum noch entwirrbar sind, liegt seit langem auf dem Tisch und macht die Gäste magenkrank. Es handelt sich aber nicht um einen Einzelfall, den man mal schnell wegfegen könnte. Es handelt sich bei Mellaart um vierzig Jahre Lehre in London. Und um einiges mehr.
Entwirre wer da will, oder rette sich, wer kann! Ich möchte meiner Mellaart-Glosse nur noch diesen Link vom 14.3.2018 hinzufügen: www.scinexx.de/wissen-aktuell-22519-2018-03-14.html

Oder das “Prioritätengerangele” mit H.-E. Korth (S. 175), wobei Illig den guten alten Isaac Newton in Schutz nimmt, da dessen (inzwischen antiquierte) Argumente nicht das Mittelalter betrafen.

Uwe Topper, Berlin 19. 5. 2018

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