Wer hat eigentlich die Germanen erfunden ?

Entsprechend der in meinem Beitrag über die Entstehung des Slawentums [1995] begonnenen Demontage des Indogermanenkomplexes rücke ich nun den Germanen selbst zuleibe, wobei ich zu meiner Freude feststellen durfte, daß diese Chimäre bedeutend leichter zu durchschauen ist als die der Slawen oder Tocharer. Mir wurde dabei immer klarer, daß alle derartigen Begriffe romantischen Träumen entsprangen, ohne nachweisbaren Hintergrund, und daß eine Bloßstellung dieses Sachverhaltes wegen des allzugroBen Blutvergießens, das diese Begriffe ausgelöst oder unterstützt haben, zur dringlichen Aufgabe geworden ist. Wie absurd die Rekonstruktion einer indoeuropäischen “Ursprache” und des dazugehörigen indoeuropäischen “Urvolkes” ist, läßt sich an der Methodik selbst ablesen: Von den Zweigspitzen eines Baumes kann man nicht auf die Wurzel schließen, höchstens umgekehrt, nämlich von der Wurzel auf die Zweige. Je mehr Zweigspitzen wir in Betracht ziehen, desto mehr Stämme müssen wir als möglich gelten lassen, besagt ein mathematisches Gesetz, das Carl Friedrich Gauss bewiesen hat.

Was nun die Germanen anbetrifft, so stellt sich schließlich heraus, daß sie vollkommen erfunden sind. Zunächst war mir aufgefallen, daß in wissenschaftlichen Werken vor 1800 von Germanen noch nicht die Rede ist. Zedler kennt in seinem umfangreichen Lexikon von 1735 noch keine Germania, er handelt sie unter Teutschland ab und zitiert nach Strabo XV:
Germanes — Philosophen in Indien, wie dort auch die Brahmanen.

Antike Texte

Aus den Kommentaren antiker Texte ließ ich mich dann allerdings belehren, daß schon in Poseidonios, der uns jedoch nur aus Zitaten in Strabon bekannt ist, die Germani als Stamm in Gallien genannt wurden. Es gab sogar eine noch ältere Nennung des Germanenstammes, nämlich in Herodot (1:125) als einer der drei Stämme der Perser. Da uns aber das Hochland des Iran recht fern liegt und diese Mitteilung auch nirgendwo aufgegriffen wurde, übergehen die heutigen Autoren diesen Hinweis. Ich komme jedoch darauf zurück.

Die großflächigen Völkerbezeichnungen aus der Antike

Die Antike machte sich das Leben nicht schwer mit der Kenntnis fremder Völker, sondern hatte recht einfache Begriffe: Im nichtmittelmeerischen Europa lebten von Ost nach West die Skythen, Veneter, Kelten und Iberer. Außer den Skythen, die eine gewisse Sonderstellung einnahmen durch ihre teils nomadische Lebensweise, galten die anderen drei Gruppen hinsichtlich Kulturform, Kriegstechnik und Religion als einheitlich und wurden nur in Bezug auf ihre Sprache unterschieden. Iberi gab es auf der nach ihnen benannten Halbinsel, auf den Inseln im Mittelmeer, vor allem auf Sardinien, sodann in den Ostalpen (Noriker) und im Kaukasus, wo sie sogar dieselbe Schrift, nämlich die turdetanische Runenschrift, verwendeten.

Und unter Kelten verstand man gelegentlich alle Hyperboräer, d.h. die Menschen jenseits des Nordgebirges, der Bora (= Rhodopen und nordwestliche Verlängerung). Strabon sagt explizit, daß sich die Germani-Stämme kulturell von den Kelten nicht unterscheiden, auch das Meyers Lexikon von 1974 ist diesbezüglich eindeutig: Germani ist eine keltische Bezeichnung für einige Stämme, von Cäsar übernommen und seitdem verbreitet. Die Grenzen dieser Germani sind laut Handbuch der alten Geographie [Forbiger 1877, 182] klar gezogen: “Südlich der Bataver, westlich der Ubier, nördlich der Trevirer, östlich der Nervier wohnten mehrere kleine Völkerschaften, die von den Alten unter dem Namen Germani zusammengefaßt wurden.” Sie lebten also zwischen Nordsee, Maas, Mosel und Rhein, im östlichen Teil Belgiens (s.S.180), wie sich auch die Philologen bis Ende des 19. Jhs. ausdrücken.

150 Jahre nach Cäsar und offensichtlich von dessen Verwendung des Ausdrucks Germanen geprägt, gibt es dann bei Tacitus eine große “Germania”, wenn auch hier noch rein geographisch, nicht ethnisch aufgefaßt.

Neuausgabe (2022) der ‘Germania’

Die Germania, das Werk des Römers Tacitus, “das eine gütige Fee unserem Volke als Patengeschenk in die Wiege seiner vaterländischen Geschichte gelegt hat —kein Volk darf sich eines gleichen Kleinods rühmen—, übt auf jede Generation seine Anziehungskraft mit unverminderter Stärke aus […]” schreibt der herausragende Philologe Eduard Norden [1920, 5] in seiner Germanischen Urgeschichte und wird im selben Sinne auch noch von Fischer-Fabian [1975, 204] fast wörtlich weitergegeben. Wie in anderen Wissenschaftsbereichen gibt es auch hier eine zweite Linie, die jahrhundertelang neben der offiziellen Richtung herläuft, nie ganz verstummt ist und sogar zeitweise die Oberhand gewinnt. Diese Gegenströmung glaubt nicht, daß die Germania von Tacitus stammt und auch nicht, daß sie unserem Volk als Geschenk in die Wiege gelegt wurde, sondern durch einen katholischen deutschen Mönch im Auftrage der Kurie als Propagandaschrift im 15. Jh. geschaffen wurde, um als Waffe im Kampf der italienischen Päpste gegen die deutschen Kaiser eingesetzt zu werden.

“Habent sua fata libelli” — als wäre dieser berühmte Satz eigens für die Germania geprägt worden, so wird er in vielen Kommentaren gerade dann zitiert, wenn von der Überlieferungsgeschichte dieses einmaligen Werkes die Rede ist. Etwa im Jahre +98 von einem damals sehr mächtigen und berühmten Manne geschrieben, dem Prokonsul der Asia minor, Cornelius Tacitus, sei das Werk sofort zum vielgelesenen Bestseller geworden (wie sich Fischer-Fabian [209] ausdrückt) und habe die Moral der degenerierten Römer auffrischen sollen durch das Vorbild der unverfälschten Germanen.

Bei genauerer Nachforschung muß man leider feststellen, daß “Tacitus im Altertum wenig gewürdigt und wenig gelesen worden” ist. “Wer von Cicero und Livius kommt, empfindet einen ungeheuren Abstand: die Sprache mutet seltsam an; sie bietet im Gegensatz zur klaren klassischen Prosa Schwierigkeiten über Schwierigkeiten”, sagt Arno Mauersberger[1980, 17], ein durchaus nichtsahnender Gelehrter der DDR. Denn: “Cornelius Tacitus ist der erste Prosaiker der trajanischen Zeit; in ihm findet Roms höhere Geschichtsschreibung ihren glänzenden Kulminationspunkt und ihren Abschluß zugleich” [Oberbreyer 1910, 4]. Also Auftakt und Höhepunkt und Abschluß zugleich, mit ganz eigenem Sprachstil.

Die Germania wurde von Zeitgenossen oder Nachgeborenen auch nicht zitiert, soweit ich gesucht habe. Zwar hat ein Nachfahr, Kaiser Marcus Claudius, der nur im Jahre 274 regierte, aus Anhänglichkeit an seinen berühmten Ahnherrn verfügt, daß dessen Schriften zehnmal im Jahr abgeschrieben werden sollten, aber die Germania scheint es nicht betroffen zu haben, höchstens die Historien und die Annalen, die als Geschichtswerke Roms von staatlichem Interesse waren. Die mittelalterlichen Historiker kennen die Germania nicht, auch keine Teile daraus, mit Ausnahme des Jordanes, der die Bernsteinerklärung bringt [Norden 1920, 448], allerdings so hanebüchen, daß die Stelle sofort als Interpolation auffällt. Erst an der Wende zum 16. Jh. tauchen begeisterte Kommentare auf und machen die Germania zu einem Grundstein nationalen Gefühls. Wie kam es dazu?

Baldaufs These

Vor fast hundert Jahren legte ein Philologe, Robert Baldauf von der Universität Basel,1Nach neueren Erkenntnissen war Baldauf wohl Journalist und nicht an der Universität Basel angestellt. Siehe den Beitrag von Rainer Schmidt den Sachverhalt offen zutage. Er kann ein mutiger und sehr gebildeter Vorgänger Kammeiers genannt werden, auch wenn ihn dieser nicht gekannt haben dürfte. Baldauf schrieb —wiederum wohl ohne es zu wissen— in der Nachfolge des Jesuiten Jean Hardouin, der im frühen 18. Jh. einen umfassenden Fälschungsverdacht zur Antike publiziert hatte. Baldauf also berichtet von dem notorisch berühmten Papstsekretär Poggio Bracciolini (1380-1459), einem der herausragenden Humanisten der italienischen Renaissance, und dessen fanatischer Suche nach antiken Handschriften. Als Wiederentdecker einer großen Menge antiker Literatur ist er zu einem Grundsteinleger des modernen Abendlandes geworden. Er beschäftigte zahlreiche Bücheragenten, die überall kostbare Handschriften stahlen oder aufkauften und nach Rom brachten. Er selbst war viel in Europa unterwegs, heißt es, und suchte besonders die deutschen Klöster heim, wo wunderbarerweise rauhe Mengen der begehrten Manuskripte in den Kellern lagen und leicht abzustauben waren. Da er von 1414 bis 1418 auf dem Konzil zu Konstanz anwesend war, konnte er sich ausgiebig in den Bibliotheken von St. Gallen, Weingarten, Einsiedeln und auf der Reichenau umschauen. Die nächsten vier Jahre verbrachte er in England und kehrte dann nach Rom zurück. Einem Mönch aus dem hessischen Hersfeld hatte er eine Wunschliste mitgegeben, auf der u.a. Tacitus stand. Dieser ungenannte Mönch meldete tatsächlich nach einigen Jahren die Auffindung eines Pergament-Codex mit drei Büchern des Tacitus, die seitdem als die kleineren Schriften des Tacitus geführt werden, darunter die Germania. Es dauerte allerdings viele Jahre, bis der Handel perfekt wurde und die Rolle um 1450 oder 1455 nach Rom gelangte. Damals gab es nämlich viele Bücherjäger, schreibt Fischer-Fabian [210ff], die sich gegenseitig mit gefälschten Siegeln und Forderungen der Kurie austricksten; sie arbeiteten wohl gleichermaßen als Erpresser, Diebe und Käufer — oder als Auftraggeber für zu erstellende Handschriften, wie man bei Baldauf liest.

Diese unschätzbar kostbare Pergamentrolle mit den Tacitus-Texten ist leider 1460 in Italien spurlos verschwunden. Zum Glück hatte man noch schnell vorher drei Abschriften angelegt, die aber ebenfalls verschwanden.

Die von diesen herstammenden Abschriften stimmen untereinander nicht überein, ihre Abhängigkeit ist auch nicht zu klären. Nach diesen Abschriften, die ab 1470 gedruckt erschienen, urteilten also alle europäischen Philologen, bis 1902 in einem Schloß in Ancona acht pergamentene Blätter einer Tacitus-Abschrift aus dem 9. Jh. auftauchten. Diese haben schließlich unsere heutige Form der Germania bestimmt [u.a. Büchner 1961, 413]. Robert Baldauf, der diesen Fund noch nicht kannte, nahm an, daß der Papstsekretär Poggio Bracciolini der Auftraggeber und das Kloster Hersfeld bei Fulda die Fälscherwerkstatt für die Tacitus-Rolle war. Ein kleiner Umstand, der mir beim Nachprüfen auffiel, paßt gut ins Bild: Bracciolini lebte auch vier Jahre in England, und das zweite Buch des Tacitus auf dieser Rolle ist eine Geographie Englands, angeknüpft an die Biographie des Agricola, des Schwiegervaters von Tacitus, der zeitweise die Britannia verwaltet hatte…

Wenn schon das seltsame Auftauchen und wieder Verschwinden dieses einmaligen Textes stutzig macht, mutet auch die Rezeptionsgeschichte verdächtig an: Obgleich die Germania 1470 in Venedig und drei Jahre später in Nürnberg gedruckt wurde, beachtete sie niemand. Erst eine Ausgabe mit Kommentar von Enea Silvio de’ Piccolomini, die dieser angeblich im Jahr seiner Papstkrönung (1458 als Pius II.) verfaßt hatte, aber erst 32 Jahre nach seinem Tode in Leipzig 1496 gedruckt wurde, hatte den gewünschten Erfolg: Der Elsässer Jakob Wimpfeling benützte sie 1501/1505, um das Deutschtum des Elsaß zu propagieren, 1518 griff der Mönch Franciscus Irenicus vom Oberrhein auf sie zurück, und 1519 baute sie der Elsässer Beatus Rhenanus, der auch den antiken Text des Velleius entdeckt und ediert hat, in seine Sammlung der Germanien betreffenden Texte ein [Norden 1920, 4, Fuhrmann 107]. Seitdem ist sie die in Deutschland am häufigsten besprochene lateinische Prosaschrift [Norden 3].

Die pünktlich zur 400-Jahrfeier des ersten deutschen Kommentars gefundenen Handschriftfragmente lagen übrigens am richtigen Ort: In Schloß Ancona war Papst Pius II. Piccolomini gestorben. Über den Beweggrund, die Germania schreiben zu lassen, sagt Mauersberger [18], der allerdings nicht ahnt, wie klar er diesen Sachverhalt darstellt: “Den Schlüssel zum Verständnis dieses Werkes” bildet der Satz: urgentibus imperii fatis: Italien profitiert von Deutschlands Streitigkeiten, oder wörtlich bei Tacitus: “Möge doch —so kann man nur wünschen— den fremden Völkern, wenn sie uns schon nicht lieben können, wenigstens der Haß untereinander auf die Dauer erhalten bleiben, da uns in diesen für das Reich schicksalsschweren Zeiten kein größeres Glück beschieden sein kann als die Zwietracht unserer Feinde” [Germania XXXIII].

Die noch nicht entschiedene Auseinandersetzung zwischen Waiblingern und Welfen ist also ein zeitgemäßer Anlaß für den Auftrag dieser Schrift. Der auf lange Sicht wichtigere aber war —wie selbst die wohlmeinendsten Forscher festgestellt haben— eine Verunglimpfung oder genauer: Barbarisierung der Teutonen durch einen (erfundenen) antiken Text. Dabei ist dessen sprachliche Sonderstellung, seine archaisierende und zugleich italienisch anmutende Sprache häufig genug aufgefallen. Die Germania enthält nämlich zahlreiche ungewöhnliche und für klassisches Latein unerklärliche, ja unverständliche Ausdrücke, um die unter den Gelehrten schon vier Jahrhunderte lang erfolglos gestritten wird, wie etwa die “Decumates Agri”, die schon Andreas Althamer 1536 für unmöglich hielt und Eduard Norden noch 1934 auf mehr als 50 Seiten erörterte, ohne mehr herauszubekommen, als daß es nicht Latein ist, sondern ein gallorömisches Wort sein könnte.

Auch die inneren Widersprüche sind zahlreich. Ich will nur kurz erwähnen, daß Tacitus —aus Versehen sozusagen— eine Stadt der Germanen, Asciburg, und Inschriften erwähnt, auch einen Grenzwall, der die Angrivarier gegen ihre ebenso germanischen Nachbarn schützte, während er sonst primitive Waldbewohner beschreibt, die kaum bekleidet als thumbe Wilde sich dem Schlafen, Fressen und Saufen ergeben, wenn sie gerade nicht Kriege anzetteln [Germania XV].

Aufgefallen ist den Kommentatoren natürlich auch, daß dieser Text vor allem am Anfang den griechischen Schriften über Völkerkunde entspricht und im Ganzen nur gängige Schemata, sozusagen ein Mosaik der antiken Geographen darstellt, das jeder belesene Mönch herstellen konnte. Kammeier widmet dem Thema ein kleines Kapitel unter der Überschrift “Die Verfälschung der Germania des Tacitus” [1935, IV, 3], wobei er noch glaubt, daß nur einige Teile verfälscht sind, während für Baldauf —den er nicht erwähnt— schon drei Jahrzehnte vorher feststand, daß das gesamte Werk gefälscht ist. Kammeier stellt aber fest, daß uns die wichtigen römischen Texte über die Germanen, nämlich die Germanenkriege des älteren Plinius und die Abschnitte bei Livius, fehlen und im Tacitus, vermutlich völlig entstellt, auftauchen. Hinter den widersprüchlichen Nachrichten des Tacitus verberge sich die Absicht der Fälscher, sich nicht festzulegen. So kommt der einzige Göttername, der von Interesse ist, Tuiston, in den Abschriften in fünferlei Schreibweise vor. Und der Stil, schreibt Kammeier weiter, gleicht ganz auffällig dem des Sallust, bis hin zur Wortwahl.

Schließlich merkt Kammeier ebenfalls, daß die Germania vor dem 15. Jh. nirgendwo zitiert wird, mit Ausnahme einer kleinen Schrift “Überführung des Heiligen Alexander”, die ausgerechnet in Fulda gefunden wurde, aber vermutlich zu den Fälschungen gehört, die im Kreise von Abt Tritheim und Conrad von Celtes ab 1491 hergestellt wurden, deren Fabrikate “Hunibald” und “Berosus” schon von ihren Zeitgenossen entlarvt wurden.

Gegen den Fälschungsvorwurf und als ‘Beweis’ der Echtheit der Germania hat man angeführt, daß die suebische Haartracht, nämlich der seitlich getragene Knoten, die man erst durch neuere Moorfunde bestätigt fand, einem Mönch des 15. Jhs. unbekannt gewesen sein dürfte. Aber auf mehreren römischen Steinreliefs mit Abbildungen von Sueben sieht man diesen Haarknoten. Oder man führt den schon erwähnten Angrivarier-Wall als Zeugen an, der erst Anfang unseres Jhs. wiederentdeckt wurde; aber einen 10 m breiten und mehrere Meter hohen Erdwall mit Palisadenzaun kann man nicht verstecken. Auch die Bootsform, die wir ebenfalls durch Moorfunde erst heute wieder kennen, oder der Nerthus-Wagen dürften einem Norddeutschen, der den römischen Zeiten noch näherstand, bekannt gewesen sein. Die eisernen Speerspitzen gar, die Tacitus so treffend beschrieb, daß Archäologen, die sie heute mühsam ausgegraben haben, sich darüber wunderten, müßte ein hessischer Mönch, meine ich, noch aus eigener Anschauung kennen. Sie fanden zu seiner Zeit auf der Eberjagd noch Verwendung, wie Museumsstücke belegen.

So ist also Fischer-Fabians Behauptung [217], das Buch sei von”völkerkundlichen Wandermotiven geradezu übersät”, durchaus korrekt, nämlich aus den “Abfällen antiker Geschichtsschreibung zusammengestoppelt”. Nur weiß jener Autor nicht, wie recht er mit dieser Feststellung —oder eigentlich Zitaten aus der Fachliteratur— den Kern der Sache getroffen hat.

Einerseits handelt es sich bei den taciteischen Germanen um wilde Barbaren, die kaum Eisen kennen, keine richtige Reiterei ins Feld führen können und ohne Schlachtordnung kämpfen, sondern sich an wildem Gebrülle berauschen. Andererseits zeigt er uns Bauern, die Bier trinken (das seltsamerweise so umständlich beschrieben wird, daß man denken soll, in Rom hätte es damals keines gegeben — ein Irrtum des Mönchs), ihre Frauen hochachten, ihre Freiheit über alles lieben und selbst in kleiner Zahl das bestdisziplinierte Heer der Welt, das römische, besiegen. Angesichts dieser Widersprüche und aus heutiger archäologischer Kenntnis der phantastisch guten Eisenschwerter der Hyrkanier kommt einem der Roman des Tacitus sehr dümmlich vor.

Rezeptionsgeschichte

Die Tendenz des Textes ist offensichtlich die, für die Deutschen den Rhein als Westgrenze festzulegen und ihren Expansionsdrang nach Osten zu verlagern, womöglich bis zum Don oder zur Wolga. Dabei werden allerdings die Bojer als echte Kelten ausgenommen, denn Böhmen nimmt ja stets eine kirchliche Sonderstellung ein. Die Ausdrucksweise ist in diesen Sätzen des 28. Kap. allerdings haarsträubend und paßt eher ins Mittelalter. Dennoch— dieses ideologisch verzerrte und von naiven Falschnachrichten nur so strotzende Dokument über die teutonische Vorgeschichte wurde in der Renaissance von den großen Humanisten begeistert aufgenommen.

Ullrich von Hutten schrieb 1502 sein pathetisches Totengespräch nach griechischem Vorbild für den vermeintlichen Helden Arminius gegen Rom und den Vatican — Freyheit war das neue Schlagwort. So könnte man sagen, der Schuß des Papstes ist nach hinten losgegangen.

Im Laufe der Zeit erlagen aber diese Germanen selbst dem Charme des Tacitus. Er hatte nämlich Fußfesseln eingebaut in Form von Tugenden, die er den Vorfahren der Teutonen andichtete. Und diese bezauberten die Deutschen derart, daß sie —wenn auch äußerst zögernd— sich als Fortsetzung dieser Fälschung ansahen.

Skandinavien gehörte damals noch nicht zum germanischen Bereich. Man hatte zwar schon im 16. Jh. Runendenkmäler entdeckt (Johann Magnus 1554, schwed. 1620), hielt sie aber noch für eine Art Griechisch. Die Skandinavier galten noch als Kelten, genau wie die Deutschen, die bis 1800 ihre “celtische Uhr- und Ertz-Sprache” erforschten, Druiden und Barden als ihre Dichter verehrte und den Ossian —eine romantische Fälschung für Keltomanen— begeistert annahmen. Für Olav Rudbeck (1630- 1702) —im Hochgefühl der schwedischen Überlegenheit im 30jährigen Krieg— war Skandinavien das Paradies, die Völkerwiege und der Schoß der Nationen, Ursprung aller menschlichen Kultur, aber noch kimbrisch und hyperboräisch, d.h. keltisch. 1643 wurde die Edda durch einen isländischen Bischof entdeckt, und im selben Jahr begann auch die dänische Runenerforschung. Aber erst 20 Jahre später schickte der Isländer das einzige Manuskript der Edda nach Dänemark. Wie authentisch dieses Manuskript ist, konnte ich nicht untersuchen, aber es wäre eine Arbeit wert.

Fünf Jahre später wird die Gotenbibel Wulfilas, die ganz seltsam in einem deutschen Kloster aufgefunden worden war, von Prag nach Uppsala gebracht; allerdings gab es beim Transport des Buches eine nie aufgeklärte Unterbrechung, die zur Vermutung nachträglicher ‘Korrekturen’ Anlaß gab. Wiederum wurde zur Stützung dieser unglaublichen Handschrift sehr viel später ein Palimpsest gefunden, das die Wulfilatexte beweisen soll. Klopstock, der zwanzig Jahre in Kopenhagen lebte, wußte auch nur, daß das Volk der Dänen von Kelten abstammte. Herder bemerkt den Mangel an echt deutschen Mythen (Iduna 1796) und schafft endlich Ersatz durch Annäherung an Skandinavien. Damit borgt sich der Deutsche —wie Klaus von See sagt [1970, 36]— aus dem Norden seine Traumwelt, ein nationales Bewußtsein, eine Vergangenheit. Die skandinavischen Texte sind hinfort nicht mehr mittelalterliche oder humanistische Dichtung, sondern stammen aus einer zeitlosen Sphäre, einem Schwebezustand, der dem goldenen Zeitalter, Paradies oder Atlantis verwandt ist. Das nordische Germanentum ist geboren. Oehlenschläger [1807] und Tegnér [1825] schaffen die skandinavische Romantik und damit eine frühe Kultur: 1811 wird der “Gotische Bund” gegründet, dem der Süden unrein und verdorben ist, der Norden rein und echt. Ich überspringe jetzt beide Schlegel, auch Görres und die Brüder Grimm, da sie allbekannt sind, und weise nur noch auf H. St. Chamberlain und die Nazis hin, die aus dieser Saat ihre blutige Ernte eingetragen haben.

Nach diesem kurzgefaßten Werdegang der Germanen-Ideologie, die an anderer Stelle näher ausgeführt werden kann, möchte ich zum eigentlichen Thema zurückkehren: der antiken Erfindung bzw. Fälschung, durch die dieses Volk der Germanen in die Welt gesetzt worden ist.

Die Theorien von Reinrassigkeit, die bei den Romantikern beginnen, oder von Autochthonie, die schon im Tacitus steht, sind ja nicht neu, sondern schön griechisch, wie Allan Lund [1990] nachgewiesen hat. Die Hellenen fürchteten in der klassischen Zeit, durch Mischung mit Barbaren oder durch Aufnahme ihrer Kulturformen “rassisch” niedriger zu sinken, zu entarten! [ebd 10] Den klassischen Griechen galten alle Europäer als Hyperboräer, d.h. die jenseits des Bora-Gebirges Wohnenden, die Nordmenschen. Zwar kamen diese Leute oft zu ihnen, opferten auch am Apollo-Altar in Delphi und sonstwo, wurden aber nicht mehr recht verstanden, so etwa, wenn sie von ihren großen Sturmfluten an der Nordsee erzählten, gegen die sie Warften, also erhöhtes Hausbaugelände aufschütteten, und die Griechen meinten, daß sich jene Leute mit ihren Waffen gegen das Meer auflehnten, also sich dort hinein stürzten und so umkamen. Johann Gottlieb Radlof, einer der großen Wissenschaftler des 19. Jhs., Professor in Bonn, dessen Geburtsjahr 1775 man kennt, dessen Todesjahr aber nicht, wie bei manchem deutschen Genie, hat um 1820 eine ganze Reihe dieser typisch mißverstandenen Nachrichten aufgeklärt, die uns bei den alten Autoren so stutzig machen. Übrigens kennt Radlof auch noch keine Slawen, aber das nur am Rande.

Die Griechen hatten ihre eigene Art, Barbaren zu bezeichnen: das peloponnesische Urvolk nannten sie Schwarzköpfe = Pelasger, andere waren Brandgesichter = Äthiopen, und im Osten lebten die Milchgesichter = Galater (von Gala = Milch). Die Hosentracht, die auf den römischen Reliefs den Germanen eigen ist, galt einwandfrei als persisch, ebenso die Haartracht der Hyperboräer. Dann aber kommen diese fremdartigen Hyperboräer zum Tempel in Delphi und bringen ihre Schätze in den Tempelhort — das ist doch Hinweis auf eine Kultgemeinschaft, eine religiöse Einheit, die eben die große Keltike bezeichnet; auch die Hellenen waren eigentlich Kelten, wie Herodot durchblickenläßt. Radlof [228] stellt nun Hilde und Kelten zusammen, zunächst überraschend, aber dann erklärt er, daß die Verschiebung H > K häufig auftritt: Herz > Cor, Halm > Kalamos, Hanf > Cannabis usw. Und Hilde war die mythische Stammutter, die mit Herkules schlief — sehr schön, denn das ist eine Erfindung des 11. Jhs., sagt Radlof. Übrigens nennt dieser geniale Kenner zwischen 625 und 975 keinen einzigen Schriftsteller, wo er sonst überall und vielschichtig Namen aufzählt, von denen ich nie gehört habe.

Die Situierung der vier kleinen Stämme der “Germani” nahe Tongern

Radlof [303f, 425] weiß, wie Adelung [24ff] vor ihm und viele nach ihm, daß Brennus nicht der Eigenname des Kimbernführers gegen Rom ist, sondern Königstitel, und er weiß sogar, daß das Wort tatsächlich mit Brand zusammenhängt, nämlich mit dem Brand der Sonne, dem Strahlenkranz, so wie die Pyrenäen, diese ewig brennenden Berge, und die Ardennen, die auch brennen, dem Sonnengott geweiht waren. Nur heutige Professoren haben da Probleme, sie möchten die alten Texte unbefragt ernstnehmen und nicht auf teutsche Wörter abklopfen. Übrigens sind alle Eigennamen der angeblich germanischen Heerführer keltisch. Eduard Norden fand auch heraus, daß eins der Vorbilder des Tacitus-Textes, das ein Grieche namens Timagenes verfaßt hat, über die Kelten etwa das geschrieben hat, was Tacitus den Germanen anhängt. Der Text sei so wörtlich gleich, daß eine Rückübersetzung sich anbiete. Noch bei Strabo spielen die Kelten jene Rolle, die Tacitus den Germanen zuschreibt. Tacitus nimmt deutlich Bezug auf Cäsar, er beginnt sein Buch mit derselben Formel wie Cäsar den Gallischen Krieg, zitiert auch den “göttlichen Julius” [Kap. 28] zuweilen wörtlich und baut seinen Germanenbegriff auf dessen Erwähnung der belgischen Stämme auf. Nur so nämlich ist der rätselhafte und viel diskutierte Satz in Kap. 2 der Germania einzuordnen, wenngleich der Text hier offensichtlich  —vielleicht absichtlich?— verderbt ist: “Die jetzigen Tungri, die früher Germanen hießen”, muß umgekehrt gelesen werden: Die Germanen, die früher Tungri genannt wurden (nach dem Ort Tongern in Belgien). Wichtig bei Cäsar ist dabei der Begriff “cis rhenum”, ‘diesseits des Rheins’ [V1,2,3], der sonst nirgends auftaucht und deshalb durch eine Inschrift auf einem Ziegel gestützt werden sollte, die etwa gleichzeitig mit den acht Pergamenten der Germania Anfang unseres Jhs. aufgetaucht war, aber im Unterschied zu jenen sofort als plumpe Fälschung entlarvt wurde [Koestermann 1970].

Die Ausdehnung des Stammesnamens Germani auf die zahlreichen Völkerschaften jenseits des Rheins hat sich in der Antike nicht durchgesetzt, nur als geographische Bezeichnung des fast unbekannten Gebietes —Germania— ist das Wort in die Literatur eingegangen. Eigentlich lag darin ein römischer Machtanspruch, der aber auffällig wenig Beachtung fand. Sogar innerhalb der Germania libera, mitten zwischen den wilden Stämmen, gab es ein Volk, das nicht zu ihnen gehörte, sagt Tacitus. Es sind die Chatten, die den Germanen an Tapferkeit so überlegen waren, daß sie ihre Eigenart bewahren konnten. Da Hersfeld, wo die Pergamentrolle des Tacitus-Textes gefälscht wurde, in Hessen liegt, ist dieser Einschub verständlich.
Jene Germanen des Tacitus, die mit rindergezogenen Planwagen und Frauen und Kindern auf der Landsuche daherkommen, sind wohl Skythen oder Sarmaten. Sie kämpfen nach Sippen getrennt und verehren ihre speziellen Götter. Dabei fällt auch Isis auf, die —wie Allan Lund 1990 bemerkt— “nach dem Stand der Religionsforschung noch nicht bis zu den Germanen vorgedrungen, sondern nur zu den Kelten gelangt” sein konnte [Lund 74].

Offensichtlich decken sich die heutigen Begriffe nicht mit denen des Tacitus, sagt Lund. Was die antiken Schriften als Kelten bezeichnen, und was die Wissenschaftler heute darunter verstehen, ist sehr verschieden! [ebd 75]. Dann aber verwischt er diesen klaren Befund wieder, indem er Isis als Übersetzung von Freija (sic!) oder Nerthus ansieht. So, wie man heute auch den auf dem Altar bei Miltenberg genannten cimbrischen Merkur als Wotan bezeichnet. Das ist aber nicht mehr Roman, das ist Fälschung. Lund [77], der unter den heutigen Forschern gewiß einer der hellsten ist, sagt darum: Das Verbreitungsgebiet der Kelten laut heutiger Archäologie deckt sich nicht mit dem Begriff der Griechen und schon gar nicht mit dem der Römer, woraus er schließt, daß die antiken Autoren ihre Begriffe willkürlich prägten —völlig richtig—, aber nicht merkt, daß auf jene irrelevanten Begriffe ein ganz verschrobenes und humanistisch gefälschtes Bild gestülpt wurde, das durch heutige Ideologie noch viel fiktiver geworden ist. Aus vier kleinen Stämmen in Belgien wurde das immense Areal zwischen Rhein und Don, Ostsee und Schwarzem Meer zur Germania, weil es einem italienischen Kirchenfürsten so paßte, indem er den gut christlichen Galliern die Rheingrenze verschaffte und die halbheidnischen Teutschen an die Ostgrenze schickte, bis hin zum Reich der Goldenen Horde.

Zur Bedeutung des Germanennamens

Trotzdem fragt es sich nun, woher der Erfinder der Germani, in diesem Falle Cäsar, den Ausdruck genommen hat. Vermutlich haben sich einige Stämme —oder eher noch militärische Einheiten— selbst Germani genannt oder wurden von ihren Nachbarn so bezeichnet, bevor dieser Ausdruck zum Allgemeinbegriff wurde. Auf die vielen Deutungen des Wortes Germani möchte ich hier nicht eingehen, sondern nur die älteste und meistvertretene abschließend kurz betrachten: Germanen heißt Brüder. Der Zusammenhang mit Heermannen ist sinngemäß richtig (wenn auch nicht etymologisch!), denn diese Germanen waren (junge) Krieger, die gegenseitig die Blutrache füreinander übernahmen, damit zu “Brüdern” wurden. In diesem Sinne kennen schon die Griechen den Ausdruck “Zusammengeborene” (eigentlich = Zwillinge) als Ehrentitel für junge Krieger. Heeresgemeinschaften wie die Hermionen oder die Hermunduren beziehen sich [Radlof 258] darauf. Wenn aber junge Krieger durch einen Schwur zu Blutsbrüdern wurden, d.h. füreinander die Blutrache übernahmen, wie es seit alter Zeit bezeugt und auch heute noch in Stammesgesellschaften zu beobachten ist, dann bedeutet das implizit, daß diese jungen Krieger nicht zur selben Stammesabteilung gehören, sonst wäre die Verbrüderung nicht nötig und nicht möglich. Sie können auch volksfremd gewesen sein, nur die kultische Einheit muß bestanden haben. Diese galt aber für die gesamte Keltike. So können wir Germani als kriegerische “Stämme” im hohen Iran antreffen (bei Herodot) oder in Gallien oder an der Rheingrenze (bei Cäsar) oder am Schwarzen Meer [Sinz 77, 82 et passim]: Es handelt sich um eine Art Schwadronen wie etwa in neuerer Zeit die Kosaken, die vor Paris kämpften (gegen Napoleon), in Petersburg oder Warschau stationiert waren, Wladiwostok einnahmen oder bei orientalischen Fürsten Leibwache spielten. Sie sind keine Stammeseinheit, kein Volk, sondern eine Soldatentruppe, bunt zusammengewürfelt wie die Fremdenlegion. Diese Beschreibung entnehme ich Spenglers Betrachtung der Seevölker [1969 passim].

Das Ergebnis dieser Untersuchung fasse ich noch einmal zusammen:

1. Die Germanen als ein großer Zweig am Stammbaum der Indoeuropäer sind eine bis heute geglaubte Fiktion der Philologen der Romantik.
2. Moderne Germanengeschichtsschreibung stützt sich auf zwei Autoren, nämlich Cäsar, dessen kurze Erwähnung der Germanen nur militärische und propagandistische Bedeutung hatte, und Tacitus, dessen Germania mit hoher Wahrscheinlichkeit eine klerikale Fälschung des 15. Jhs. ist.
3. Der Ausdruck Germanen bezeichnete ursprünglich den Zusammenschluß kriegerischer Mannschaft, besonders als Ergebnis des keltischen Ver sacrum, ohne ethnische, sprachliche oder genetische Verbundenheit.
4. Ein “Volk” der Germanen, wie es uns in der Schule präsentiert wird, hat es nie gegeben. Die Erforschung der vielgestaltigen europäischen Stämme zur Römerzeit sollte frei von derartigen ideologischen Vorbedingungen neu begonnen werden.

In der sehr lebhaften und recht langen Diskussion im Anschluß an diesen Vortrag2gehalten auf dem Jahrestreffen 1996 der ‘Zeitenspringer’ in Hamburg kam vor allem zu Wort, daß ich den philologischen Befund, nämlich die Verwandtschaft der germanischen Sprachen des heutigen Mittel- und Nordeuropas nicht miteinbezogen hätte. Darum mußte ich den Modellgedanken noch genauer ausführen, indem ich diese geforderte, m.E. jedoch inexistente germanische Ursprache als die Ordonnanz-Sprache der militärischen Einheiten bezeichnete, die als lingua franca in der Völkerwanderung in einem großen Gebiet, vor allem auch dem der Wikinger, Verbreitung fand. Eine Analyse der Hydronomie Alteuropas, etwa im Sinne von Bahlow, der mehrfach genannt wurde, ergab ja, daß die Gewässernamen in Skandinavien sowenig “germanisch” sind wie etwa die Osteuropas “slawisch” [s.a. W.P. Schmid 155ff in Beck 1986].

Irgendwie spukt nämlich bei den modernen Sprachforschern, den Indogermanisten oder gar den Nostratikern, noch das biblische Modell vom Turmbau zu Babel im Kopf, wo “alle Welt einerlei Zunge und Sprache” hatte, die dann durch den neidisch gewordenen oder in Panik geratenen “HErrn” in viele Einzelsprachen aufgespalten wurde. Es mag zwar sein, daß bei der Errichtung eines großen Kultbaus wie des Turmes in Babel eine einheitliche Schriftsprache mit genormter Aussprache (“Zunge” und “Sprache”) verwendet wurde, die in der Folgezeit, als sie nicht mehr ihren Zweck erfüllen mußte, in Dialekte zerfiel, aber diese Einheitssprache steht nicht am Anfang der Sprachentwicklung, sondern ist Ergebnis von Konvergenz und oft künstlich erzeugt. In diesem Sinne hatte ich [1977, 405f; 1995, 462f] auf das Bibelgotisch des Wulfila verwiesen, auf das Altkirchenslawisch der Brüder Method und Kyrill, auf das Arabische des Koran und das Tocharische der Schriften Turans. Für Sanskrit dürfte dasselbe gelten.

Während alle diese volksschaffenden Kultsprachen im religiösen Bereich zum Durchbruch kamen, ist es beim “Germanischen” eher der militärische und danach händlerische Aspekt gewesen, der aus der synthetischen Schöpfung lebendige Sprachen für ganz Nord- und Mitteleuropa werden ließ. Die Verwandtschaft zwischen dieser Ordonnanzsprache und dem Altkirchenslawisch, um nur zwei Beispiele auszuwählen, ist also nicht genetisch, die beiden Sprachen oder Sprachgruppen stammen nicht vom selben Baum ab, sondern benützen teilweise dieselben Ingredienzien in ihrer ad hoc oder gezielt geformten Mischung.

Literatur

Adelung, Johann Christoph (1806): Aelteste Geschichte der Deutschen; Leipzig
Baldauf, Robert (1902): Historie und Kritik (einige kritische bemerkungen.) IV.
ders. Das Altertum [Römer und Griechen.] C. Metrik und Prosa, Basel
Beck, Heinrich (Hg. 1986): Germanenproblem in heutiger Sicht; Berlin – New York
Büchner, Karl (1961): “Überlieferungsgeschichte der lateinischen Literatur des Altertums”; in Hunger et al. 1988, 309
Fischer-Fabian, Siegfried (1975): Die ersten Deutschen; München
Forbiger, Albert (1877): Handbuch der alten Geographie. Band Ill; Leipzig (Reprint Graz 1966)
Fuhrmann, Manfred (1972): Tacitus, Germania. Lateinisch und Deutsch; Stuttgart
Hunger, Herbert et al. (1988): Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel; München (!1961)
Kammeier, Wilhelm (1935): Die Fälschung der deutschen Geschichte, Leipzig
Kirchner, Horst (1938): Das germanische Altertum in der deutschen Geschichtsschreibung des 18. Jhs.; Berlin
Koestermann, E. (1970): Kleine Schriften; Leipzig
Lund, Allen A. (1990): Zum Germanenbild der Römer; Heidelberg
Mauersberger, Arno (2°, 1980): Tacitus Germania; Leipzig (1971)
Norden, Eduard (1959): Die germanischen Urgeschichte in Tacitus Germania; Darmstadt (1920 Berlin)
– (1934): Alt-Germanien; Leipzig : Berlin
Oberbreyer, Max (1910): Die Germania des Cornelius Tacitus; Leipzig
Podach, E.F. (1952/53) “Haarfarbe und Stand”; in Tribus NF 2/3, 104-124; Stuttgart
Radlof, Johann Gottlieb (1822): Neue Untersuchungen des Keltenthumes zur Aufhellung der Urgeschichte der Teutschen; Bonn
See, Klaus von (1970): Deutsche Germanen-Ideologie vom Humanismus bis zur Gegenwart; Frankfurt/Main
Sinz, Erich (1984): Gudrun kam vom Schwarzen Meer; München
Spengler, Oswald (1969): Frühzeit der Menschheit; München
Topper, Uwe(1977): Das Erbe der Giganten; Olten
– (1995): “Entstehung des Slawentums”; in Zeitensprünge VII (4) 461

Dieser Text ist eine Ausarbeitung des Vortrags von Uwe Topper auf dem Jahrestreffen der Zeitenspringer in Hamburg, abgedruckt in dieser Form in Zeitensprünge 2/1996, S. 169-185 (Hrg. Heribert Illig, Gräfelfing bei München).

Alexander Jurisch (München) schrieb eine Erwiderung, genannt Die Germania und die Germanen oder gegen den grundlosen Kahlschlag in der Geschichte. die in derselben Zeitschrift veröffentlicht wurde; die Ausgabe ist vollständig als PDF zugänglich und kann hier heruntergeladen werden (Seiten 492-435):

Uwe Topper schrieb eine Antwort auf Jurischs Kritik, die im nächsten Jahr ebenfalls in Zeitensprünge veröffentlicht wurde (ZS 2/97, S. 226-231), siehe hier: Germanische Überlebensstrategien.

Fußnoten

  • 1
    Nach neueren Erkenntnissen war Baldauf wohl Journalist und nicht an der Universität Basel angestellt. Siehe den Beitrag von Rainer Schmidt
  • 2
    gehalten auf dem Jahrestreffen 1996 der ‘Zeitenspringer’ in Hamburg

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert