Heinsohns und Toppers Theorien im Vergleich

Heinsohns stratigrafische und Toppers astronomisch-chronologiekritische Theorie der Zeitfälschung bezüglich der Vorgeschichte des 1. Jahrtausends nach Christus

— ein Vergleich von Maßstäben, Ergebnissen und offenen Fragen.

Vorbemerkung vom Herausgeber: Wie Gunnar Heinsohn zu seiner neuen Theorie gekommen ist, daß im 1. Jahrtausend n.Chr. rund 700 Jahre überflüssig gezählt werden, daß also in diesen tausend Jahren herkömmlicher Zählung nur rund 300 Jahre archäologisch fundiert nachweisbar übrigbleiben, hat er in seinem Brief zu Illigs 70. Geburtstag (hier) nachvollziehbar berichtet. Topper hat seine in den letzten zwanzig Jahren entwickelte und schrittweise verbesserte Arbeitshypothese, derzufolge zwischen Cäsars Kalenderreform und dem letzten großen Ruck vor 650 Jahren nur etwa die Hälfte der behaupteten Jahre stattgefunden habe, nämlich rund 700 Jahre, weshalb 700 Jahre in diesem Zeitraum entfallen, in Vorträgen, Artikeln (hier auf der Seite) sowie in mehreren Büchern – besonders nochmal im “Jahrkreuz” 2016 – dargestellt.

Beide Thesen haben ein ähnliches Ergebnis gemeinsam, sind jedoch auf ganz verschiedenen Wegen zustandegekommen: Heinsohn stützt sich auf die archäologisch gefundenen Stratigraphien, Topper auf die astronomischen Berichte, wobei er die allgemein übliche Annahme, die Präzession sei in den letzten Jahrtausenden ohne Unterbrechung und gleichförmig verlaufen, mit mehreren Sprüngen oder Katastrophen durchlöchern muß, damit die berichteten astronomischen Beobachtungen Sinn machen.
Peter Winzeler hat nun, um eine Diskussion in Gang zu bringen, auf Bitte der beiden Autoren den Versuch unternommen, eine Gegenüberstellung der beiden Thesen, wenn möglich eine Zusammenführung, zu bringen.
Hier ist sie:

Das freundliche Ansinnen beider Kontrahenten zum Jahreswechsel, einen solchen Vergleich auf (neutraler) “wissenschaftlicher” Basis anzugehen, das mir zunächst unzumutbar erschien, wurde erheblich erleichtert durch Gunnar Heinsohns Brief an Dr. Heribert Illig (auf dieser Webseite), der die Genese seiner Anschauung und Herangehensweise dankenswert darstellt und sie zugleich abhebt von historisch-chronologischen Datenenerhebungen und chronologiekritischen Axiomen.

In diametralem Unterschied zur “Phantomzeit”-Theorie Illigs rechnet GH nicht mit Leerzeiten der absoluten Fundlosigkeit – etwa der Epoche und Gestalt von Karl d.Gr – , sondern immer nur mit einem Drunter & Drüber von abgelagerten Grabungs- und Fundschichten von Straten oder Stratengruppen (wie hier A – B – C), das sich dreimal in analoger (==) Schichtung abzeichnet in der Antike A (Altkaiserrom des Prinzipates) == Spätantike B (byzantinisches Kaiserreich mit identischen Römerfunden) == christlichem Frühmittelalter C (Aachen und Polen mit identischen Klein-Funden der röm. Antike/A). Das reale Kontinuum dieser Raumzeit umfasst ca. 300 Jahre diverser Zeiträume (zwischen Hellenismus bzw. Keltenära/Spätlatène und Hochmittelalter) und wird einzig unterbrochen von einer signifikanten Vorkatastrophe der Pest-Zeit Marc Aurels (Mitte/Ende 2. Jh = Mitte 5. Jh des Hunneneinfalls = 9. Jh. mit Ungarneinfall in Italien), die vor der eigentlichen Hauptkatastrophe eintrat, die wir grabungsmässig den “Heinsohn Horizont” (HH) nennen der sogen. Heinsohntheorie (HT). Heinsohn streicht nur Zeit, aber weder Funde noch Texte, die er vielmehr aus ihrer Aufspaltung über mehrere Perioden – mit Endpunkten zwischen den 230er und 930er Jahren – wieder zu einer verständlichen Geschichte zusammenführen will.

In Rom und seinen verschütteten Theatern und Hafenanlagen korrespondiert die finale Auslöschung (A: Zeit der Severer 230ff) sehr anschaulich mit der katastrophalen Verschüttung des Theodosianischen Hafens in Konstantinopel, die bei U-Bahnschachtungen erst der Vergessenheit entrissen wurde (B: Zeit Justinians 530-550 [bei Heinsohn mit Fragezeichen]) und dem Untergang vergleichbarer Häfen in Truso oder Skandinavien (C: Anfang/Mitte 10. Jh). Sofern identisch gefertigte römische Schiffe noch im beladenen Zustand aufgefunden wurden – oder selbe Importartikel begegnen -, ohne dass an irgendeinem Ort (Wien – Trier – Zürich – London) das Schicksal zweimal oder gar dreimal in diesem Ausmass zugeschlagen hätte, kann von der Einmaligkeit des Geschehens ausgegangen werden, das – vielleicht mit Ausnahme der Bibelschriften – weithin dem Vergessen anheimfiel. Das Letztere ist ein entscheidendes Kriterium der Falsfizierbarkeit: ein einziger Fundort mit zwei oder drei finalen Zerstörungs- oder Verschlammungs-Schichten (statt der einen in Aachen) würde die HT widerlegen ! Ohne Gegenbeweis aber wirft die HT alle konventionellen Zahlengerüste oder vermeintlich sicheren astronomischen Datierungen über den Haufen. Infolgedessen sind rund 700 Jahre der millenarischen christlichen Zeitrechnung (im Jahr 1000) als inexistent anzusehen. Mit andern Worten: die Zeitachse, die theologisch konstruiert war, schrumpft um diesen Betrag einer Nicht-Zeit (im Unterschied zu den Leerstellen und “dark ages” der konventl. Archäologie). Und dies zusätzlich zu den Schrumpfungen, die G.H. im biblischen Altertum der Sumerer (etc.) untersuchte. Die Geburt Christi (B.P.) rückt entsprechend näher an uns heran: mit unabsehbaren Folgen für alle eingebürgerten Datierungen “vor” und “nach Christus”.

Beispiel: Sollte Kaiser Claudius um 47 n.Chr das 800 Jahre-Jubiläum der Stadt Rom und der Römerstrassen der Via Claudia Augusta begehen (aUC DCCC), wird diese Aussage von Meilensteinen sinnlos, wenn die Zeitenwende real rund 700 Jahre später eintrat. Ausser man konvertiere diese Angabe in AD 800 (nach Herbert Gabriel †), sodass Claudius (Clodius) in die Nähe Chlodowigs oder des Frommludwig (HLUDOVICVS, Lewis, Claude-Louis) rückt, über den auch Quellen oder Münzen des FrühMA vergleichbar (A == C) berichten. Mit dem Analogiesymbol (==) soll nur der Eindruck schlechthinniger Identität (=) vermieden werden, da römische und germanische Quellen verschiedene Aspekte und Deutungen im Umfeld von allenfalls identischen Personen beleuchten (hier verlangt die HT nach Übereinstimmung von mehreren Merkmalen, ausser von Namen, Beinamen oder gebräuchlichen Titeln).

Diese ergrabbare Fundlage, wird sie stratigrafisch als Ausdruck einer einmaligen selben Mega-Katastrophe des Heinsohn Horizontes geltend gemacht (u.a. aufgrund von Schwarzerd-Schichten und anderen typischen Merkmalen) lässt sich – mit wenigen Ausnahmen – nicht historiografisch stützen oder mit Lexikon-Daten beweisen: den überlebenden Zeitgenossen fehlten schlicht die Zeit und Gelegenheit, darüber Bücher zu schreiben; es fehlten Kommunikationsmittel von Radio- oder Fernsehstationen, um das globale Ausmass zu registrieren. Die lokal berichteten Ereignisse (Unwetter, Erdbeben, Tsunamis oder Vulkanausbrüche) lasen sich also nur ex post flächendeckend zu einem Gesamtbild verweben, wie es in der Johannesapokalypse angedroht oder vorgezeichnet erscheint, die wohl erst ex post auch kirchlich kanonisiert (oder nachbearbeitet) wurde.

Der Architekt Ewald Ernst (der zum engeren Kreis der HT gehört) sah auch das TABU einer “zweiten Sintflut” (nach Gen 6-8) gegeben, das die Röm. Kirche (oder Justinian) dazu genötigt habe, deren Ausmass zu verschweigen. Die Not zwang die Überlebenden, in den Ruinen der verschlammten Städte oder Kastelle ihre Hütten zu bauen, Kleinvieh oder Schweine zu züchten und jene Spuren, Abfälle oder Exkremente zu hinterlassen, die heute wissenschaftlich auf den Ruinen typischer Römerstädte erhoben werden können. Mit den darunter erhaltenen Bädern, Kanalisationen, Toiletten und Fäkalien der zivilisierten Epochen (A == B == C) hat es die Bewandtnis, dass sie in der Regel nur in EINEM der drei Zeitfenster aufzufinden sind (A oder B oder C), nicht aber durchgängig (A + B + C). So dass Zweifel besteht, ob Byzanz (B) in Phase A überhaupt bewohnt war oder in Aachen (Phase C) andere als die römischen Installationen (A) oder byzantinschen Paläste oder Thermen existierten.

In Verfeinerung des Ansatzes vermochte GH durchaus eine “späte Antike” (B‘) auch innerhalb der Endphase A zu erkennen – zumal nach der Reichskrise unter Marc Aurel, wo die Goten und Germanen an Bedeutung gewannen – oder auch im christianisierten (bzw. arabisch islamisierten) Frühmittelalter, wo antike Baustile und spätantike Ornamente sich zeigen, die in den selben Zeithorizont gehören (wie beispielhaft in vorromanischen Kirchenbauten Karls d. G. wie in Taufers/Müstair um AD 800). Damit ist die Architektur der HT zur Genüge umrissen, die ihren Baubefund bewusst nicht von einem frommen Zahlengerüst des christlichen Mittelalters (oder der Neuzeit) abhängig macht, das dem abendländischen Christentum ex post aufgepropft worden wäre – als Neubeginn à la 1000=1 (Heinsohn) oder astronomisch begründet (nach Ansicht Toppers). Es genügt ihr die Einsicht, dass der HH epochal UNTER den Neuaufbauten romanischer oder gotischer Kirchen des HochMA liegt – was von Freunden und Kritikern der HT freilich nie diskussionslos als Faktum hingenommen wurde. Gleichwohl entscheidet NICHT die chronologische Rekonstruktion über die Substanz des stratigrafischen Befundes, der in sich konsistent und evident erscheint. Solange sie keinen astronomischen Anker im Universum einer einsteinschen “Raumzeit” der jüngsten Erdgeschichte hat (etwa im Rahmen eines elektromagnetischen Relativismus der Astrophysik post Velikovsky) schwebt der ganze Komplex der HT sozusagen in der Luft, solange nicht die Zahlengerüste gefunden sind, die ihren Befund angemessen zu interpretieren vermöchten). Der Autor dieser Zeilen vertritt die Ansicht, dass naturwissenschaftliche Feindseligkeit gegen die HT nicht angebracht ist, solange CERN und NASA ihre Welterklärungsprobleme nicht gelöst haben. Im Gegenteil, sie könnten deren Vorleistungen eines Tages zu Dank verpflichtet sein.

Sehr anders entstand die die Zeitfälschungstheorie von Uwe Topper und Sohn, welche die Konstanz der Präzession des herrschenden Zeitbildes hinterfragt und (infolge endogener oder galaktischer Einwirkungen) katastrophische Präzessionssprünge ansetzt, die im Zeitraum zwischen 1200 -1500 vergleichbare Megakatastrophen bewirkt haben würden, wie die HT sie fürs 10. Jh. postuliert. Strittig ist also die Übergangsphase des HochMA, die Heinsohn unangetastet lässt; da hatte schon Christoph Pfister (in Zeitensprünge) mit einer Synchronie von Städten wie Bern (Brenodurum) und keltischen Oppida (Engehalbinsel) operiert. Sollte man dann die “sieben Kreuzzüge” des HochMA nicht als Historisierung sehen müssen eines “siebenarmigen” Impaktes, wie der Naturforscher A.Tollmann ihn in Bezug auf die (zweite) Sintflut der Johannesapokalypse verifizierte (die Beobachtung der ersten Sintflut wäre den Bibelautoren kaum zuzutrauen) ? Wäre es von daher also nicht logisch, den HH mit jenem letzten “Grossen Ruck” Mitte 14. Jh. in eins zu setzen, den Christoph Marx (†) im Anschluss an Egon Friedell einem “Konzeptionsschauer” verglich (siehe Fußnote), dem erst das kopernikanische Umdenken der Neuzeit entsprang ? Auf alle Weise suchte man das Chaotische der grauen Vorzeit in mechanischen Himmelsbahnen Isaak Newtons abzuwehren (so Velikovsky) oder die unkalkulierbare Bedrohtheit der menschlichen Existenz (der Kabbala) in religiösen Riten und auch heidnische Mythen (wie zB. der EDDA) zu bannen. Sollten die Hardware der HT und die astrokritische Topperthese (TT) an ein und demselben noch unerkannten Grundpunkt X konvergieren, sich also “wissenschaftlich” vereinheitlichen lassen und gegenseitig stützen?

Ich mahne zur Vorsicht: die TT ist auf einem ganz anderen Boden erwachsen des Zweifels an den spätenstandenen, “wohlgeordneten” Chronologien von Altertum und Mittelalter, die erst in der Frühneuzeit sich allmählich hinauskristallisierten und dort zu monströsen ZeitFälschungen der kirchlichen Agenturen und Staatsapparate neigten. Ich erspare mir hier einen Exkurs über Toppers frühere Annahme einer “Grossen Aktion” des Vatikan und bevormundeter Wissenschaften, die teils im Fomenkoismus Nachfolge fand, teils in Pfisters späterer These, das antike Römische Reich insgesamt (A= B = C) habe erst im Schwabenkrieg der Schweizer 1499 sein Ende gefunden (was Topper nicht teilt). Auch das “gotische” Nationalbewussstsein der Schweden sei doch – konform mit dem helvetischen der Eidgenossen – erst in dieser Geburtsstunde der modernen Staatenbildung (um 1600) entstanden (Thomas Maissen u.a., siehe Fußnote). Und die hebräische Bibelsprache der Qumranrollen (nach Topper 10./11. Jh ?) sei der humanistischen “Bibelerfindung” im 15/16. Jh nur einige Jahrhunderte, aber nicht 1000-1500 Jahre vorausgegangen (nach ZS-Diskussionen Winzeler-Topper). Geht es aber mit dem Simplizismus von grossen Zeitschnitten wirklich in grossen Schritten der Forschung voran (wo der Teufel bekanntlich im Detail sitzt)?

Nicht nur in Sprache und Methodik, auch in der Herkunft sind die beiden Ansätze grundverschieden und so leicht nicht zu synthetisieren. Toppers subtile Beobachtung jedoch, dass Kalifen des 9. Jhs. (Phase C) Ptolemäus aus dem 2. Jh. (Phase A) als Zeitgenossen wahrnehmen, könnte sein Interesse an Heinsohns stratigraphischer Parallelisierung beider Perioden wecken. So kennt Ptolemäus das polnische Kalisz als Calisia, obwohl Polens Archäologen die Architekturblüte dieser Stadt ins 9. Jahrhundert datieren müssen (Email Heinsohns an PW, Januar 2018).

Bezüge auf Immanuel Velikovsky (im Gegensatz zu Kammeier, Baldauf und Johnson als der Grundlage der radikal-antikirchlichen und teilweise auch antijudastischen Chronologiekritik) finden sich bei Topper selten oder nur beiläufig (auch gerade Dank dessen Erbes bei Christoph Marx, der Velikovsky zugänglich machte). Bei Heinsohn sind sie prägend, um auch die Realgeschichte Israels und des postbiblischen Judentums archäologisch aus der Nichtbeachtung zu retten (sprich: sie vor der modischen Auflösung in rein fiktionale Literaturgeschichte durch die “Wissenschaft” zu bewahren), mit grossen Fortschritten, die sich auch in der Stratigrafie Jerusalems abzeichnen (von der Zeit Jesu bis zu den Kreuzzügen; noch nicht publiziert). Neigen radikale Chronologiekritiken generell dazu, die Vorgeschichte des Christentums oder römischen Papsttums vor der Wende 1500 AD (des Albrecht Dürer) ins Gebiet des totalen Unwissens und fiktionaler Rekonstruktionen der Geschichte des Abendlandes zu verweisen – oft unter Kniebeugen vor bewahrten keltischen Ursprüngen (v.a. in der Hochburg Wien des “Celtius”, wo auch Zwingli studiert hatte), ist Heinsohn fortlaufend damit beschäftigt, sowohl keltische wie jüdische und frühchristliche Informationen aus jener grauen Vorzeit zu rehabilitieren, fragwürdige Überlieferungen – die im herrschenden Zeitbild jede Berechtigung einbüssten – mit neuen Fundlagen zu rekonsolidieren und also zu retten, was zu retten ist, auch bezüglich der Kirchengeschichte, die ein altes und später doch gar nicht erfindbares Erbe bewahrte. (Dies überraschend auch bezüglich der Tafelrunde des Artus und der Nibelungensage, die plötzlich Boden unter den Füssen gewinnen, sofern sie im angemessenen Kontext reflektiert werden). Drastisch gesagt: sucht die HT für alle die “mythischen” Heerführer und Herrschergestalten – wie Karl d. G. – einen angemessenen Platz im wohlverstandenen und verdichteten Zeitraum der realen Geschichte, so neigt die Gegenseite (ich meine: im Umfeld der TT) dazu, die fiktionalen Persönlichkeiten zu vermehren, die ins Nirwana erfundener Lückenbüsser religiöser Mythen zu verweisen wären, nachdem sie in Zeitrastern der Historischen Kritik (der Moderne) ihr Leben schon aushauchen mussten. Wovon Jesus von NAZARA (Lk 4,16: der gekreuzigte Nazoräer Joh 19,19) das prominenteste Opfer sein müsste, das eindeutig in einen Qumran-Kontext des Frühchristentums verweist.

Ich frage. Ich sage nicht, dass dieses Nebengeleise (der historischen Bibelkritik der letzten 200 Jahre, unter die Albert Schweitzer den Schlusspunkt setzte) das Herz und die eigentliche Intention der TT sei oder bleiben müsse, als ob es – wenn sie endlich in ihrem eigenen Profil erfasst ist – kein gegenseitiges Lernen voneinander geben könne. Nur solle man beim Querlesen dieser beiden Ansätze auf die genuinen Intentionen und divergenten Interessen achten – und also beide entsprechend kritisch lesen. Denn dass dieser skizzenhafte Vergleich – ausser zu Verwerfungen – auch zu produktiven Resultaten führen könnte, scheint mir aktuell so notwendig und verheissungsvoll wie derzeit die Verhandlungen in Berlin über Möglichkeit und Grenzen einer Grossen Koalition, die ja wahrlich nicht zum Ziel haben kann, der AfD – anstelle der radikalen Linken – das Szepter der vermeintlich einzig radikalen Alternative zu überlassen. Um in diesem Bild zu bleiben: Es ist mehr möglich, als wir derzeit zu denken wagen. Und “radikale” Chronologiekritik ohne stratigrafischen Unterbau, der den Sachen auf den Grund und mit Verve an die Wurzeln geht, soll keine Zukunft haben: nicht in diesem Europa der Völker und Nationen, das noch gar nicht weiss, was seine Wurzeln sind.

Fußnoten:

Friedell, Egon (1927 – 31): Kulturgeschichte der Neuzeit.
“Wenn es wahr ist, daß damals ein großer Ruck, eine geheimnisvolle Erschütterung, ein tiefer Konzeptionsschauer durch die Menschheit ging, so muß auch die Erde irgend etwas Ähnliches durchgemacht haben, und nicht bloß die Erde, sondern auch die Nachbarplaneten, ja das ganze Sonnensystem.” [“damals” bezieht sich auf die Mitte des 14. Jh.s]

Thomas Maissen: In seiner Dissertation (1994) bezog sich Maissen auf “Die französische Vergangenheit bei italienischen Autoren des 15. und 16. Jahrhunderts”. Er konnte zeigen, daß die französischen Könige des 15./16. Jhs. ihre Geschichte nach humanistischer Manier mit Hilfe italienischer Hof-Historiographen aufputzen ließen. Thomas Maissen: Von der Legende zum Modell. Das Interesse an Frankreichs Vergangenheit während der italienischen Renaissance. Basel 1994.

Siehe auch die vorige Betrachtung der beiden Theorien hier.

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